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Der Fall Guttenberg - Ehrlichkeit und Reviews

Beitrag von Mattes vom 05.03.2011

So, da bin ich wieder und nachdem Kollege Maddin auf dem Squealer-Wochenende letztens gemeint hatte, ich sollte doch gefälligst auch mal 'ne Kolumne schreiben, anstatt den Text in irgendeinem Forum zu versenken, tue ich, wie mir befohlen.

Ein passendes Plätzchen für alles Folgende wäre beispielweise das Thema "Dinge, die mich wütend machen" gewesen, denn "Der Fall Guttenberg" hat durchaus genug Potential, um mal so richtig vom Leder zu ziehen. Es geht hier schließlich um einen Minister und nicht um irgendeinen Feld-, Wald- und Wiesenpolitiker. Bei den Kerlen bin ich ja einiges, um nicht zu sagen alles, gewohnt, aber an einen Minister werden schließlich andere Ansprüche gestellt. Es gibt natürlich private Dinge, die niemanden etwas angehen und selbst, wenn man berücksichtigt, dass Guttenberg eine öffentliche Person und Minister ist, sind diese privaten Dinge tabu in der öffentlichen Diskussion. Aber die Sache mit dem Doktortitel und der Dissertation, die dazu führte, liegt ein wenig anders. Diesen Doktortitel führte Guttenberg offiziell UND in der Öffentlichkeit, also ist es eben nicht seine Privatsache, wie er an den Titel gekommen ist. Vor allem der wissenschaftlichen Gemeinde ist es nicht egal, die sind natürlich mittlerweile entsprechend sauer. Die jetzt in die Kritik geratene Dissertation "Verfassung und Verfassungsvertrag - Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU" wurde 2007 eingereicht (475 Seiten) und führte dann zum Doktorgrad mit der Bestnote 'summa cum laude'.

Aber schon vor längerer Zeit war einigen Leuten aufgefallen, dass es da Passagen in der Dissertation gibt, die aus fremden Quellen kommen und nicht als Zitate und mit Fuß- oder Endnoten kenntlich gemacht sind. Guttenberg leugnete erst, und je mehr bekannt wurde, desto mehr Fehler räumte er ein. Am besten fand ich, wie er meinte, sich die Arbeit noch mal selber ansehen zu müssen, denn er könnte sich das ja nicht vorstellen und müsse das überprüfen. HA! Dreimal laut gelacht! Da kommt mir die Galle hoch, denn meine Diplomarbeit hatte nur schlappe 230 Seiten und ich kann mich immer noch sehr deutlich daran erinnern, wie das damals 1993/94 war und was ich da getan hatte. Da brauche ich nicht erst noch mal nachsehen. Es kann einem durchaus mal 'ne Fußnote durchrutschen, aber weil Zitate immer in Anführungsstriche gesetzt werden müssen, müssen beim Durchlesen der Arbeit, und das erfolgt normalerweise einige Male (vor allem während der Entstehung der einzelnen Abschnitte und Kapitel) solche Fehler zwangläufig irgendwann mal auffallen. Dass aber beide Anforderungen, Anführungsstriche UND Fuß- oder Endnote, einfach "vergessen" werden, kann kein Zufall sein und ist, nicht nur für mich, nur mit Absicht und Vorsatz zu erklären. Und zufällig verschwinden kann auch nix, zwar kann mal eine Fußnote versehentlich gelöscht werden, aber der entsprechende Text muss dann schließlich noch vorhanden sein. Vor allem die Typen, die die Arbeit beurteilen mussten, hätten die Fehler bemerken müssen. Haben sie auch mit Sicherheit, aber trotzdem hat der adlige Emporkömmling den Titel mit dieser geradezu lächerlich guten Benotung bekommen. Eine Frechheit sondershausen. Boaaach, ich glaub, ich krieg Plaque, ey.

Mittlerweile ist der Kerl den Doktortitel los, denn er wurde ihm von der Uni Bayreuth aberkannt. Er selber hat auch behauptet, er hätte ihn zurückgegeben. Der Kerl macht mich echt wütend. Wer nach dem Motto "copy and paste" eine wissenschaftliche Arbeit erstellt und dann die eigentlichen Urheber ganzer Passagen noch beschimpft, ist ein Betrüger und als Minister nicht mehr tragbar.

Rücktritt, aber dalli!

Genauso unsäglich sind die ganzen Entschuldiger und Beschwichtiger, die Guttenberg in Schutz nehmen und sich dabei aber nur selbst ins Knie schießen.

Aus DER Nummer kommt der Kerl bei mir nicht raus, denn eine langjährige Angestellte, die 'ne alte Wurst für ihren Hund mit nach Hause nimmt, wird achtkantig rausgeworfen, aber für dieser Betrug gibt’s nur einen auf die Finger? Da könnte ich… mich erbrechen, um nicht zu sagen kotzen, aber vielleicht gibt’s ja noch Gerechtigkeit, denn die wissenschaftlichen Gremien der Uni werden jetzt wohl die gesamte Prozedur und auch die anderen Beteiligten überprüfen, die diesen Doktortitel mit Bestnote möglich machten. Zeit wird’s!

Damit bin ich aber noch nicht am Ende, denn was in wissenschaftlichen gilt, würde ich auch mal ganz geschmeidig für das Schreiben von Reviews einfordern. Nämlich, dass so ein Text selbständig erstellt wird, da die Meinung des Schreiberlings hier zum Ausdruck kommen sollte und dazu muss er die Mucke eben mehr oder weniger detailliert auseinander nehmen. Wenn man etwas zitiert, sollte man es auch kenntlich machen. Man sollte z. B. anmerken, dass entsprechende Stellen dem Jubelsturm des Infoblattes entstammen, selbst wenn man da zustimmt. Ein Review, das nur aus dem Text des Infoblattes besteht, ist für mich eine Frechheit und dient nur dem Abzocken von Cds und Gästelistenplätzen. Mal ganz davon abgesehen, dass für den Leser das Ganze dann fast Null Informationswert hat und im Grunde ebenfalls als Betrug gewertet werden muss.

Den hohen wissenschaftlich-formalen Anspruch, der mit dem ganzen Zitierapparat in wissenschaftlichen Arbeiten einhergeht, halte ich jetzt nicht für notwendig. Worum es mir geht, ist Redlichkeit und Ehrlichkeit den Plattenfirmen oder Promotionsagenturen gegenüber und natürlich den Adressaten, unseren Lesern. Außerdem habe ich da auch 'nen gewissen Stolz und ein entsprechendes Selbstverständnis und würde mich niemals zu solch niederen Taten wie unser Minister hinreißen lassen.

In diesem Sinne, keep it true, nie war es so wahr wie heute!

N.S.: Dieser Text wurde am 28. Februar 2011 geschrieben und Guttenberg ist am nächsten Tag zurückgetreten, obwohl der Text noch gar nicht veröffentlicht war. Na, geht doch!

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