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Von Sterneköchen und Pommesbuden ...

Beitrag von Langemann vom 14.07.2009

Wir kennen sie alle aus Funk und Fernsehen. Jeder hat sie bereits gesehen. Diese furchtbaren Klugscheißer, die sich vor die Kameras dieser -ach was, aller!- Nationen stellen und Dinge behaupten wie: "Seit meinem Unfall sehe ich das Leben anders: Ich geniesse jeden Tag!".. oder "Wenn du einen Traum hast, dann musst du nur dran glauben und arbeiten, dann wirst du es schaffen!"

Und in einer Sache sind wir uns wohl alle einig: Diese Leute gehen uns auf die Nüsse! Und zwar so richtig! Wir haben genug von Trödelmillionären, die uns sagen, wie man erfolgreich wird; von halbseitig gelähmten Menschen, die uns erzählen, wie glücklich sie ausgerechnet dieser Unfall gemacht hat; von irgendwelchen Typen, die mit einem halben Kilo Haargel auf der Birne meinen, daß man nur die richtige Einstellung braucht, um reich zu werden. ( Schließlich hätte sich der Puff ja sonst nicht so gut ausgezahlt )

Aber: Was passiert, wenn uns selbst etwas Unvorhergesehenes ereilt? Was passiert, wenn wir in eine außergewöhnliche Lage geraten? Ich kann es euch verraten. Ich kenne nämlich jemanden, dem so etwas tatsächlich passiert ist. Jemanden, der von einem auf den anderen Tag sein Leben verändert hat. Jemanden, der sich gerne mal einen zur Brust nahm. Der gerne gefressen, gebummst und gefeiert hat. Jemanden, der jetzt auf solche bekloppten Dinge wie den Cholesterienspiegel und den Blutdruck achten muss und dabei so glücklich ist wie nie zuvor. Jemanden, der morgens aufstand und ein leckeres Essen für eine gute Freundin zubereitet hat, ohne sich dabei Gedanken zu machen, und der -als die Freundin dann zu Besuch kam- merkte, daß er nicht mehr sprechen konnte. Schlaganfallsymptome. Mit dreissig Jahren. Bei mir!

Dieser Vorfall ist jetzt etwa drei Monate her. Und seitdem hat sich meine Einstellung zum Leben deutlich verändert. Und das aller-, aller-, allerbekloppteste ist: Durch meine Einstellung hat sich auch mein Leben verändert. Nicht, daß ich jetzt einen total tollen Job hätte, oder jeden Abend mit einem tollen Supermodel mit dicken Hupen pimpern würde. Nö. Ich gehe zur gleichen Arbeit, die mich vorher absolut fertig gemacht hat. Von der ich Abends nach Hause kam und erstmal zwei oder drei Bier brauchte, um überhaupt wieder ansprechbar zu werden, ohne aggressiv zu reagieren. Aber jetzt komme ich nach Hause und bin immernoch ausgeglichen. Natürlich gibt es Tage, an denen ich am liebsten schreien würde. Aber dafür ist es nunmal meine Arbeit und ich bekomme Geld dafür. Und das ist der große Unterschied. Vor meiner Erkrankung habe ich Dinge wie meinen Beruf ernst genommen. Viel zu ernst. Die Angst, große Fehler zu machen war immer da. Schließlich kann man es sich heutzutage kaum leisten, arbeitslos zu werden. Und das geht ja schneller, als man denkt.

Nach meiner Erkrankung sehe ich meinen Beruf noch immer nicht als Spaß an. Allerdings ist mein Berufsleben in der Gewichtung doch stark abgefallen. Wenn ich wählen dürfte zwischen arbeitslos und einem richtigen Schlaganfall, dessen Symptome nicht zurück gehen; Wenn ich ausserdem wählen müsste zwischen einer sexy Traumfrau, die jederzeit jede erdenkliche Schweinerei mit mir machen würde, und meiner besten Freundin, die mir während meiner Krankheit so sehr geholfen hat... Dann müsste ich keine Millisekunde überlegen! Und genau das ist der Grund meines neuen Glücks. Und komischerweise auch der gleiche Satz, den man immer im TV sieht, und der bei fast jedem die selbe, gelangweilte Reaktion hervorruft. "Ich habe gemerkt, was wirklich wichtig ist im Leben". Jawoll! So ist das! Man braucht nämlich tatsächlich nur die richtige Einstellung im Leben. Dann geht das auch mit dem Puff...oder was ihr euch so vorstellt....da bin ich mir ziemlich sicher.

Also bevor ihr das nächste Mal stöhnt, wenn einer auf RTL2 euch sagt, daß er zwar vorher Sternekoch war, jetzt aber in Wattenscheid eine Pommesbude aufmacht- weil es für ihn besser ist- dann stöhnt nicht direkt, sondern überlegt lieber mal ein paar Sekunden, ob euer momentanes Leben eher eurem Sternelokal ähnelt, oder eurer Pommesbude.

Danke.

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