Squealer-Rocks.de CD-Review
Waltari - Blood Sample

Genre: Crossover
Review vom: 21.04.2006
Redakteur: Jack
Veröffentlichung: bereits veröffentlicht
Label:



„Entweder man hasst sie oder liebt sie!“ Punktgenauer kann man das Stimmungsbild innerhalb der Szene zum Thema Waltari nicht beschreiben. Mit ihrer eigenwilligen, sich seit Jahren gut rentierenden, Funktionsweise Lieder zu komponieren, eröffnen sie immer wieder auf’s neue hitzige Diskussion, bei denen keiner auch nur ein Stückchen von seiner Meinung abtritt. Die Streitereien wird auch BLOOD SAMPLE, das neueste Werk der arbeitsamen Finnen, nicht beenden können – trotz einer satten Spielzeit von fast 80 Minuten. Aber welchen Fan kümmert das auch?

Ein sich über 17 Tracks und eine Spielzeit von (ums genau zu nehmen) 79 Minuten streckendes Waltarialbum hat nicht wie bei wahrscheinlich 95 Prozent der übrigen Rockbands zur Folge, dass sich nach der Hälfte die große Ernüchterung breit macht und sich die Ideen auf unsägliche Art und Weise wiederholen. Bei Kärtsy Hatakka (Gesang, Bass, Keyboards), Jariot Lehtinen (Gitarre, Gesang), Sami Yli-Sirniö (Gitarre, Gesang) und Ville Vehviläinen (Schlagzeug) ist wie seit jeher das Gegenteil der Fall und dieses „Teil“ hat es wie immer in sich. Ich kenne keine Band dieses Planeten, der es neben Waltari gelingen könnte, 17, ich wiederhole 17, Songs so zu gestalten, dass sich jeder erheblich vom anderen unterscheidet und man trotzdem in jedem die bandeigene Handschrift herauslesen kann.

Okay, nicht jede Gruppe verfügt über einen Kärtsy Hatakka am Mikro, dessen Stimme sich selbst bei 10.000 anderen noch herauskristallisieren würde. Gut, wenn ich schon dabei bin den guten Kärtsy ins Spiel zu bringen, dann kann ich auch gleich mit seiner Vielseitigkeit, die manch einer in über zehn Jahren noch immer nicht wahrgenommen hat, weiterprahlen: mal gefühlvoll, zart und emotional wie ein Musterbeispiel deutscher Castingshows singend, mal in Höchstgeschwindigkeit rappend, mal tief, gefährlich grunzend, mal den lässigen Rocker heraushängend, mal auf Finnisch, mal verzerrt, mal verhalten, mal dominant und schreiend agierend, aber immer und überall präsent sein. Das alles sind grob (wenn ich nichts wichtiges vergessen habe) die erstaunlichen Fertigkeiten dieses Mannes. Ob man diesen stimmlichen Facettenreichtum nun hasst oder vergöttert, steht auf einem anderen Blatt, aber genauso fällt ja auch die instrumentale Umsetzung auf BLOOD SAMPLE aus.

Nein, nicht Top oder Flop, sondern extrem vielschichtig und variantenreich. An der Seite von einigen „klassischen“ Waltari-Crossover-Interpretation (zum Beispiel „I'm In Pain“, „Fly Into The Light“ oder „Back To The Audio“) – ihr wisst schon: in unterschiedlicher Dosierung trifft Metal auf Pop auf Rap etc. – sorgen die kuriosen, furiosen und stellenweise auch als „verrückt“ bezeichenbaren Ideen für ein breites Grinsen im Gesicht des Hörers: Mittels eines nervigen Klingeltones wird „Never“ eingeleitet, während in „Exterminator Warheads“ mit dem Küchengeschirr und –besteck dem guten alten Death Metal gehuldigt wird – um mal die zwei größten „Ausreißer“ aus den allseits bekannten Klangwelten zu erwähnen.

Doch weder die „Klassiker“ noch die „Ausreißer“ noch die zauberhafte an Sting erinnernde bzw. schmalzige Ballade („Wide Awake“ bzw. „Julia“) noch das schmissige, modern-melodische „Not Enough“ noch das mit Hard Rock Riffing ausgestattete „Too Much Emptiness“ noch das auf Metal abgehende „New York“ noch das punkige „All Roads Will Lead To Rome“ noch die finnische Black Sabbath Interpretation „Digging Inside“ noch der Sisters Of Mercy/Gothic Metal Kniefall in „Aching Eyes“ können den Opener „Helsinki“ von der Pole Position des Albums verdrängen. Dieses Stück ist so einmalig, atemberaubend, einnehmend, bewegend, packend (und 100 weitere Adjektive und Adverbien), dass man einfach nicht drum herum kommt dieser in sechs Minuten verpackten musikalischen Lehrstunde einen Extraplatz einzuräumen. In einem Guss wechseln sich anspornende, fordernde auf Finnisch mit tiefer Stimmlage vorgetragene Strophen mit einem fast schon poppigen Mitsingchorus ab, dass einem bei der von Waltari an den Tag gelegten Perfektion Hören und Sehen vergeht. In jeder Stimmungsschwankung vermitteln die Klangsphären – seien es die Strophen, der Refrain, der death metallisch-rappende Übergang oder die in „Oh Oh Oh“ gehaltene Schlusseinleitung des Chorus – eine große Portion Finnland. In dieser Liebeserklärung von Waltari an ihr Heimatland springt sofort der Funke zum Hörer über, der sich an einen gefrorenen, leicht verschneiten See mit kleinen bewaldeten Hügeln im Hintergrund versetzt fühlt. Ganz großes Musikkino!

Fazit: Ich bewege mich mal wieder in der reviewtechnischen Überlängebereiche, also wird es Zeit für ein (kurzes?) Fazit: Die Jungs von Waltari können machen, was sie wollen (egal ob Metal, Pop, Rock, Rap, das Jamba-Sparabo oder Mamas Kücheneinrichtung), am Ende stehen immer, und das schon seit über einem Jahrzehnt, starke Songs zu Buche, die an Einmaligkeit nicht zu übertreffen sind. BLOOD SAMPLE macht da nicht einmal ansatzweise eine Ausnahme. Ganz im Gegenteil: Das 79-minütige „Götterwerk“ avanciert sich zu DEM besten der langen Karriere der Finnen. Hymne reiht sich an Hymne, eine ausgefallene Idee jagt die andere und letzten Endes bleiben 17 Songs hängen, die einen nicht mehr loslassen. Wer trotz meiner „Predigt“ noch immer unentschlossen bezüglich des käuflichen Erwerbes von BLOOD SAMPLE ist, dem gebe ich folgenden Hinweis mit auf den Weg zum Plattenladen: Alleine der 6-Minüter „Helsinki“ befördert BLOOD SAMPLE auf der Preis/Leistungsskala auf die Stufe „sehr gut“ ... der Rest sprengt hingegen alles bisher da gewesene.
Amen!

VÖ: 21. April 2006

Tracklist:
1. Helsinki
2. Not Enough
3. Too Much Emptiness
4. Never
5. New York
6. I'm In Pain
7. All Roads Will Lead To Rome
8. Digging Inside
9. Fly Into The Light
10. Shades To Grace
11. Aching Eyes
12. Back To The Audio
13. Pigeons
14. Exterminator Warheads
15. Darling Boy
16. Wide Awake
17. Julia

Anspieltipps: Helsinki, Not Enough, Shades To Grace, Wide Awake

Band Line-Up:
Kärtsy Hatakka - Gesang, Bass, Keyboards
Jariot Lehtinen - Gitarre, Gesang
Sami Yli-Sirniö - Gitarre, Gesang
Ville Vehviläinen - Schlagzeug

DISCOGRAPHY:

1989 - Mut Hei EP
1991 - Monk Punk
1992 - Torcha!
1993 - Pala Leipää
1994 - So Fine
1995 - Big Bang
1996 - Yeah!Yeah!Die!Die!
1997 - Space Avenue
1998 - Decade
1999 - Radium Round
1999 - Evangelicum / Evankeliumi Show
2000 - Channel Nordica
2001 - Back To Persepolis
2004 - Rare Species
2006 - Blood Sample
2007 - Release Date

SQUEALER-ROCKS Links:

Waltari - Blood Sample (CD-Review)
Waltari - Release Date (CD-Review)

Kärtsy Hatakka von Waltari (Interview)
Kärtsy Hatakka von Waltari (Interview)
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