Squealer-Rocks.de CD-Review
Rush - Snakes And Arrows

Genre: Progressive Rock
Review vom: 09.05.2007
Redakteur: maddin
Veröffentlichung: 27.04.2007
Label: Atlantic Records



Die obligatorische Einleitung lasse ich im vorliegenden Fall mal weg. Über diese Band noch irgendwas zu erzählen, ist so überflüssig wie warmes Bier. Jeder will eh nur wissen, wie sie denn nun geworden ist, die Neue. Also gehen wir direkt in medias Rush:

Geil ist sie geworden; unerwartet geil. Nicht, dass wir den drei Kanadiern ein auch nur annähernd mittelmäßiges Album zutrauen würden, aber ein bisschen Angst hatten wir doch, oder?
Beim Opener „Far Cry“ fallen wohl jedem Rush Fan Tonnen an Steinen vom Herz. Nichts ist mehr da von der depressiven Alternative Rock Attitüde des „Vapor Trails“ Outputs. Ein Riff von Mr. Lifeson, das wir schon mal irgendwo gehört haben, eröffnet den grandiosen Reigen.
Was?? Rush kopieren sich selber? Aber sicher doch! Und das ist auch gut so!

Natürlich ist der abfällige Begriff „kopieren“ nicht wörtlich zu nehmen und lediglich meinem begrenzten Wortschatz oder wahlweise meinem kranken Humor zuzuschreiben. Tatsache ist, dass „Snakes & Arrows“ eine Art Querschnitt durch die unvergleichliche Historie der Prog Götter ist. Gespickt mit kleinen, aber erkennbaren Zitaten aus nahezu jeder Periode ihres genialen Schaffens.

Womit wir wieder beim Opener wären. Diese Nummer hätte locker auf „Counterparts“ stehen können. Relativ hart gezockt, mit einer prägnanten Basslinie und einer Melodie, wie sie eben nur diese Band kreieren kann.

„Armor and Sword“ verbindet eine unbeschreiblich schöne Harmonie mit harten Riffs und endlich hören wir Alex mal wieder an der Akustischen. Das Stück vereint Rush’s 80er Phase mit den Uralt Elementen.
Vom selben Schlag ist „Working Them Angels“, dazu noch mit einer ordentlichen Portion Folk und einem ebenso interessanten, weil unvorhersehbarem Songaufbau.
Auch „The Larger Bowl“ hat unverstärkte Klampfenklänge mit im Gepäck, geht aber ohne Umwege nach vorne und besitzt schon fast Lagerfeuer – Flair.
Bevor die Angelegenheit aber allzu beschaulich wird, kredenzen uns die drei Herren mal eine Lehrstunde in Sachen Prog Rock. Der „Spindrift“ wälzt sich schwerfällig und böse, aber doch mit erhabener Schönheit nicht nur „On the Western Shore“, sondern verstärkt an die Küsten unseres Hirns.

Doch ungeachtet der vorangegangenen 5 Granaten obliegt es einem Instrumental Track, diese Ansammlung an vertonten Offenbarungen noch zu übertreffen und sich alleine auf das Podest zu stellen. „The Main Monkey Business“ schafft es durch seinen Wechsel vom groovenden, leicht orientalisch anmutenden Hauptthema hin zum brachialen Metal, an die Tür des eigentlich unübertreffbaren „YYZ“ zu klopfen.

Mit „When The Wind Blows“ folgt der wahrscheinlich vielseitigste Song auf dem Album. Die einleitenden lupenreinen Blues Klänge verwandeln sich in eine sehr aggressive Prog Dampfwalze, die wiederum mündet in einem unglaublich idyllischen Refrain, der wohl zu den schönsten in der, an Wahnsinnsmelodien nicht gerade armen, Discographie der Ostkanadier gehört.
Das zweite Intrumental „Hope“ ist ein gut 2- minütiges akustisches Gitarrenduell mit ordentlich Country Schlagseite.
Etwas schwermütig kommt dann zunächst „Faithless“ daher, dessen Riff ein wenig an „Earthshine“ von „Vapor Trails“ erinnert. Nach und nach nimmt das Stück aber durch überraschende Wendungen Fahrt auf. Ein unheimlich dichter Song mit sehr viel Atmosphäre zwischen Melancholie und Fröhlichkeit, an dem es eine Menge zu entdecken gibt.

„Bravest Face“ ist mein persönlicher Favorit auf der Scheibe. Nicht unbedingt aufgrund der leicht bluesigen Strophe, sondern wegen der Explosion im Chorus. Diese tolle treibende Harmonie versprüht genau den gleichen Zauber wie die Stücke auf „Presto“ oder „Power Windows“.
Auch „Good News First“ erinnert stark an die 80er Phase der Band. Lediglich mit dem Unterschied, dass die Keyboards wesentlich subtiler sind und die Musik dadurch ihren „Pop“ Charakter verliert.

Kurz vor Schluss legen die Gentlemen dann noch mal gesangslos,…ähhh los. „Malignant Narcissism“ hat allerdings mehr Jam Session Charakter und ist nicht unbedingt als echter Song zu werten.
Das Finale bestreitet „We Hold On“, eine flotte, aber etwas unspektakuläre Nummer, die hauptsächlich von Neil’s geilem Schlagzeugsspiel lebt.

Das ist also das neue Rush Album im Schnelldurchlauf. Und mehr als eine Inhaltsangabe ist bei einer derartigen Scheibe auch nicht möglich. Keine Kritik könnte lang genug sein, um dieser guten Stunde an Göttermucke auch nur halbwegs gerecht zu werden; zumal man mindestens ein halbes Jahr braucht, um alle Elemente dieser Musik erfassen zu können.
Deshalb ist dieses Review auch nur ein Versuch, die grobe Marschrichtung von Rush anno 2007 halbwegs sachlich zu erklären.

Geddy Lee, Alex Lifeson und Neil Peart haben etwas geschaffen, was wohl nur ganz wenigen (wahrscheinlich keiner) Bands vorher gelungen ist: sie haben all das, für das wir sie seit über 30 Jahren lieben in ihre neuen Songs gepackt und klingen trotzdem zu jeder Sekunde neu und frisch.

In einem Rock Hard Review zum „2112“ Album stand mal: „Diese drei Musiker können definitiv nicht von der Erde stammen.“
Stimmt!

Tracklist:
1. Far cry
2. Armor and Sword
3. Workin’ Them Angels
4. The Larger Bowl
5. Spindrift
6. The Main Monkey Business
7. The Way the Wind Blows
8. Hope
9. Faithless
10. Bravest Face
11. Good News First
12. Malignant Narcissism
13. We Hold On

Line up:
Geddy Lee – Vocals, Bass
Alex Lifeson – Guitar
Neil Peart - Drums


DISCOGRAPHY:

1974 - Rush
1975 - Fly By Night
1975 - Caress of Steel (1975)
1976 - 2112
1976 - All the World´s a Stage
1977 - A Farewell to Kings
1978 - Hemispheres
1980 - Permanent Waves
1981 - Moving Pictures
1981 - Exit...Stage Left
1982 - Signals
1984 - Grace Under Pressure
1985 - Power Windows
1987 - Hold Your Fire
1989 - A Show of Hands
1989 - Presto
1991 - Roll the Bones
1993 - Counterparts
1996 - Test for Echo
1998 - Different Stages
2002 - Vapor Trails
2003 - Rush In Rio
2004 - Feedback
2007 - Snakes And Arrows
2008 - Snakes And Arrows Live

SQUEALER-ROCKS Links:

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