Squealer-Rocks.de CD-Review
Henning Pauly - Babysteps

Genre: Progressive Rock/Metal
Review vom: 29.12.2006
Redakteur: Jack
Veröffentlichung: bereits veröffentlicht
Label:



Für den, in Hessen geborenen und in den USA lebenden, studierten Allzweckmusiker Henning Pauly, der sich insbesondere mit seiner Arbeit bei Chain und dem Projekt Frameshift einen hochrangigen Namen in der progressiven Rocklandschaft erspielt hat, kommt, um den Posten am Mikrofon zu besetzen, nur die wahre First-Class der Szene in Frage. Nicht umsonst veredelte beispielsweise kein Geringerer als Sebastian Bach die Gesangspassagen des letzten Frameshift-Werks AN ABSENCE OF EMPATHY. Anno 2007 stellt der Mann, der sich stets erfolgreich am Spagat zwischen der Klassik und der Moderne versucht, unter eigenem Namen sein neuestes Mammutwerk, BABYSTEPS betitelt, vor... und alleine anhand der Namen der Vokalisten könnt ihr euch vorab ausmalen, mit was ihr es hier zu tun habt – nämlich der absoluten Weltklasse. Here we go: James LaBrie (Dream Theater), Jody Ashworth (Trans-Siberian Orchestra), Matt Cash (Chain) und Michael Sadler (Saga).

Alle Fragen beantwortet? Alle Münder wieder geschlossen? – Na dann können wir ja die 15 Höhlen eines der – vorweg genommen – besten Alben des noch nicht einmal angebrochenen Jahres 2007 und des bisherigen Jahrtausends erforschen.
Wie bereits erwähnt drücken sich auf diesem Konzeptwerk, das eine wahre Begebenheit nacherzählt, vier Sänger, die jeweils eine feste Rolle zugeteilt bekommen haben, gegenseitig das Mikrofon in die Hand. Als Hauptperson Nick darf sich das quickfidele und Düsternis verkörpernde Stimmchen von Jody Ashworth über die längsten Parts freuen. Dieser „Nick“ war – um euch den Inhalt dieser Rockoper näher zu bringen – einst ein Sportathlet, ist jedoch seit einem Unfall an den Rollstuhl, das Rehabilitationskrankenhaus und seinen arroganten Doktor Dr. Raspell (James LaBrie) gebunden. Von Freunden und Familienangehörigen quasi alleingelassen, baut er sich in seinen Gedanken seine eigene utopisch positive Traumwelt auf, in welche er stets flüchtet. Während seines Krankenhausaufenthaltes lernt er den von einem ähnlichen Schicksal betroffenen Cellisten Matt (Matt Cash) kennen, mit welchem er sich nach einem kurzen Anlauf anfreundet. So verbessert sich stetig seine Situation und dank eines Treffens mit Dr. Sizzla (Michael Sadler) steigt nicht nur seine Zuversicht, sondern auch seine Aussicht auf Heilung.

Soweit das schlüssige, einen mitfühlen lassende Konzept, das im wunderschön gestalteten Booklet ausführlichst erläutert wird. Dem nicht genug: Die musikalische Ausarbeitung, welche ganz nebenbei den Tonträger bis zum Rand füllt, setzt noch mehr als einfach nur das Tüpfelchen aufs „i“. Auf den ersten Blick scheint sich das Hauptaugenmerk von BABYSTEPS auf den bewegenden, oftmals von bedrückten Stimmungen umgebenen und von einem dominanten Pianospiel geführten Savatage Power Metal mit seinen vielen Filigrantechniken und Facetten zu fokussieren. Darin festigt sich allerdings auch die Marke Henning Pauly (schon mal an ein Namenspatent gedacht?) und die damit verbundenen unverkennbaren Eigenschaften und Begebenheiten, die da wären: Elektronische Soundspielereien, verträumte Klangssphären (siehe die fünf „Café“-Instrumentals), die Mixtur aus Eingängigkeit und verschachtelter Progressivität, sowie die auf das 21. Jahrhundert übertragenen Interpretationen, die die Suche nach direkten Verweisen so unmöglich gestaltet wie einst das amerikanische Aufspüren von Atomwaffen im Irak.

Dem Gebrechlichkeit und Introvertiertheit ausdrückenden Jody stehen die kontrastreichen, aufopferungsvollen, in Aggressivität und Besonnenheit watenden Gesänge des Matt Cash, der selbst vor leichten Rapeinlagen nicht zurückschreckt, gegenüber, die beispielsweise zwischen dem klavierbetonten und im Savatage bzw. Jon Oliva’s Pain Format aufbrausenden „I Don't Need You“ und der mit vielfältigen Arrangements der Marke „typisch Henning“ zugekleisterten Frameshift-artigen Nummer „No Tree To Sit Under“ einen kleinen, aber feinen Stimmungs- und Stilbruch erwirken. Wenn wir schon bei Gegensätzen sind, darf selbstredend das umstrittenste und zeitgleich zu den stärksten der Szene gehörende Organ des Herrn LaBrie nicht fehlen, der, vor der ersten „Kaffeepause“, im alle Phasen des Laut/Leise-Wechselspiels durchlaufenden „Listen To Me“ mit seiner markanten Art und Weise des Singens eine ganz andere Phonetik, auf der Ebene des großen Ganzen, erzeugt.

Die Qual der Wahl steht dem sowieso schon voller Erfurcht in die Knie gegangen Hörer ins weihnachtlich dekorierte Haus, wenn er im Anschluss – also vor der dritten „Kaffeeauszeit“ – einen der beiden bewegenden, von der ersten Sekunde an für Gänsehaut am ganzen Körper sorgenden Rocksongs („Not Just A Piece Of Paper“, „Whenever You Dream“), die zudem über eine gut dosierte Portion The Who verfügen, welche kurzzeitig auch ein beschwingliches Ausmaß annehmen kann, als den besseren küren will. Denn eigentlich kann man bei diesem Versuch nur kläglich scheitern! In der Diskussion um das beste Iron Maiden Album aller Zeiten scheiden sich ja auch die Geister...

Keinen Anlass zum Disput gibt das knapp zehnminütige „A Place In Time“, bei dem abgesehen von James alle Akteure (und zum ersten und letzten Mal Michael Sadler) zum Zug kommen. Das mit verschiedenen musikalischen Themen ausgestatte Stück stellt stellenweise ein sehr saga-artiges (weil prägnant und vertrackt zugleich), vom begleitenden Klavier verziertes Stück dar, das die doch zahlreichen Kritiker der „anti-proggigen“ Saga-Alben gerne als eine Art Heilsbringer und Vorreiter auf dem saft- und kraftlosen MARATHON (2003) oder NETWORK (2004) gesehen hätten. Sagas Ian Crichton (Gitarre) und Jim Gilmour (Keyboards, Piano) durften im Übrigen ebenfalls für das eine oder andere Solo anrücken.

Wenn man mit einem Track auf BABYSTEPS anfängliche Probleme hat, dann ist es das bis kurz nach der Halbzeit verklemmt und melancholisch daherkommende Duett zwischen LaBrie und Ashworth („What Do You Know!?“), das sich am Ende aus allen Fängen löst. Eine wesentlich größere Bandbreite der Zugänglichkeit hält da schon eher „I See“, das zusammen mit der gottgleichen Ballade „The Door“ (Einzelheiten darüber würden in einem Roman enden) die letzte Runde einläutet und keinen Hehl aus der geschickten Verwendung von Dream Theater‘schen Schattierungen der IMAGES AND WORDS Phase macht. Genauso wenig macht dies das (abzüglich des letzten „Café“-Themas) finale, nochmals auf die Tränendrüse drückende „The Last Song“ im Bezug auf melodieführende Elemente, die sich der Maestro kurzerhand von „I Killed You“, einer Metal-Granate vom letzten Frameshift Album, „geliehen“ hat. Henning, du Gott!!!

Fazit: Angekündigt hatte Henning Pauly seine BABYSTEPS bereits vor einigen Jahren. Doch was dabei letzten Endes wirklich herauskommen würde, konnte man (und damit schließe ich ganz frech auch die Komponisten selbst mit ein) in dieser Zeit mitnichten einschätzen. Was lange währt, wird bekanntlich endlich gut... und im Falle von Henning Pauly wird es natürlich saugut! Diesem Genie gelingt es innerhalb eines Albums, dass sich Savatage-Reunion-Wünsche auf der Stelle verflüchtigen. Viel wichtiger ist jedoch, dass dieses BABYSTEPS nicht nur ein Jahrzehnte-Highlight, sondern auch eine musikalische Offenbarung für JEDERMANN ist! Ein Album, dass man auf den Platz der Bibel legen sollte... deshalb: KAUFEN!!! KAUFEN!!! KAUFEN!!!

Tracklist:
1. Café 1
2. I Don't Need You
3. No Tree To Sit Under
4. Listen To Me
5. Café 2
6. Not Just A Piece Of Paper
7. Whenever You Dream
8. Café 3
9. A Place In Time
10. What Do You Know!?
11. Café 4
12. The Door
13. I See
14. The Last Song
15. Café 5

Anspieltipps: von „Café 1“ über „Café 2“, „Café 3“ und „Café 4“ bis „Café 5“

Line-Up:
Henning Pauly – Gitarre, Bass, Schlagzeug, Piano, Arrangements, Programming etc.
Jody Ashworth – Gesang
Matt Cash – Gesang
James LaBrie – Gesang
Michael Sadler – Gesang
Marcus Gemeinder – Piano
Ian Crichton – Gitarre
Jim Gilmour – Piano

DISCOGRAPHY:

2003 – Reconstruct (mit Chain)
2003 – Unweaving The Rainbow (mit Frameshift)
2004 – 13 Days
2004 – Parts That Hate Me (mit Edward Heppenstall)
2004 – Chain.exe (mit Chain)
2004 – Chain.exe DVD (mit Chain)
2005 – An Absence Of Empathy (mit Frameshift)
2005 – Credit Where Credit Is Due
2007 – Babysteps

SQUEALER-ROCKS Links:

Henning Pauly - Babysteps (CD-Review)
Henning Pauly - Credit Where Credit Is Due (CD-Review)

Henning Pauly von Frameshift (Interview)
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