Squealer-Rocks.de CD-Review
Sólstafir - Köld

Genre: Progressive Dark Metal/Rock
Review vom: 24.02.2009
Redakteur: Reaper
Veröffentlichung: 27.02.2009
Label: Spikefarm



Es gibt diese Alben, die man in seinen CD Player einlegt, kurz hineinhört und denkt, welche grausamen, akustischen Misshandlungen von jenen dargebrachten Klängen ausgehen und man sich unvermittelt fragt, was man zu solcher Musik bloß schreiben soll, ohne in subjektiver Weise ungerecht zu sein. Jedoch gibt es auch jene Alben, die bereits nach wenigen Sekunden Ohr, Herz und Verstand gefangen nehmen und einen wortlos, staunend zurücklassen, so dass man keine Worte findet, das Dargebotene zu beschreiben. Es sind genau diese Alben, für die man als Musikrezensent lebt, nach denen man sich jeden Tag verzehrt, da sie aus dem Einheitsbrei dieser Tage herausstechen, einen dort berühren, wo schon längst die Routine das frühere, echte Gefühl ersetzt hat. Dass gerade ein Album aus dem krisengeschüttelten, eisigen Island mit dem Titel KÖLD – Kälte – das in routinierter Starre befindliche Herz und Ohr auf diese Art zu erwärmen vermag, ist auf seine Weise ironisch.

Kälte, die Kälte unserer Zeit, die Kälte, die sich einstellt, wenn man sich Tag aus Tag ein mit der einst so lieben Musik beschäftigt und allmählich keine Worte mehr findet für das, was man noch bis vor kurzem mit enthusiastischen Wort- und Satzschöpfungen feierte.
Kälte, die Kälte unserer Zeit, die Kälte, die einem entgegenschlägt, wenn man die leeren Phrasen in gebetsmühlenartiger Weise von unseren Politikern vorgetragen nicht mehr erträgt, da man hinter die Leere, die gedankliche Kälte blickt.
Kälte, die Kälte unserer Zeit, die Kälte, die zwischen zwei Menschen herrscht, die sich einst geliebt haben, deren Liebe jedoch im Sturm der Jahre, in der Monotonie des Alltags erloschen ist und an die Stelle des verzehrenden Feuers getreten ist.

Kälte und Leere, zwei den Raum beherrschende Größen, die das Leben auf der im hohen Norden gelegenen Vulkaninsel Island seit jeher prägen und bestimmen. Vielleicht braucht es gerade diese gewaltige, menschenleere, kalte Weite, um hinter die Kälte unserer Tage zu blicken, um das Herz, das Wesen der Dinge zu begreifen und zwischen all dem Lechzen nach Gewinn und Erfolg die wahre Seele unserer geliebten Musik aus dem Gewand des vermarktungstollen Geschäftes herauszulösen, um als Blume inmitten eines eisigen Meeres wiedergeboren zu werden.

Es ist dieses Gefühl, des Aus-dem-Eis-geboren-werdens, welches Sólstafir auf ihrem dritten Album kreieren, das so unglaublich ergreifend ist, einen sprachlos macht, ob der leidvollen, hoffnungsschimmernden Ausstrahlung, die von Aðalbjörn Tryggvasons Gesang ausgeht. Kraftvoll, schmachtvoll, schreiend und sanft – es gibt keine Stimmung des Albums, die seine Stimme nicht in bewegender Weise vokalisieren würde. Die vier Isländer haben mit KÖLD ein Album erschaffen, dass sich selbst trägt, den Hörer mitnimmt auf eine Reise zwischen sturmgepeitschten Wellen und endloser Weite, in der die Hoffnung flackert, wie das Licht eines Sterns am nächtlichen Firmament, wie die Kerze, die jederzeit zu verlöschen droht und doch immer wieder hell auflodert, als wollte sie wie eine Blume im Eise nicht sterben.

Ich kann schon gar nicht mehr sagen, wie oft ich KÖLD nun schon gehört habe und doch noch immer keine Worte finde, diese Musik in angemessener Weise zu beschreiben. Mit welchen Worten könnte man schon etwas beschreiben, das mit progressiver Epik, wie einst in den Siebzigern erschaffen und zu ihren glanzvollen Höhepunkten getrieben durch Bands, deren Namen längst Legenden sind und die man nicht alle aufzählen kann, und düsteren Postcore oder auch Dark Metal genannten Elementen spielt? Das diese bedrückende, dunkle Atmosphäre atmet, ohne an ihr zu ersticken? Das fast neun Minuten einzig mit packenden Spannungsbögen auszukleiden vermag, ohne dass der überragende Sänger überhaupt zum Zuge kommt und dieses instrumentale Epos an den Anfang seines Albums setzt? Das das Eis bricht und einen wieder mit unverbrauchtem Ohr lauschen lässt, staunen lässt, wie einst, als man seine, unsere Musik entdeckte?

Fazit: Es steckt eine unglaubliche, unbeschreibliche Kraft in diesen acht Kompositionen, von denen man keine als die Überragende herausheben kann, denn sie alle bilden ein erhebendes Ganzes, wie es selten geworden ist in seiner berauschenden Weise. Aus dem Eise geboren eine musikalische Offenbarung, wie man sie in den Tiefen seines Herzens ersehnte. Mit KÖLD liefern die Isländer Sólstafir ein Album, das aus Dunkelheit Licht gebärt und aus Eis Blumen blühen lässt.


Tracklist:
1. 78 Days In The Desert
2. Köld
3. Pale Rider
4. She Destroys Again
5. Necrologue
6. World Void Of Souls
7. Love Is The Devil (And I Am In Love)
8. Goddess Of The Ages

Anspieltipps: alle!

Line-Up:
Aðalbjörn Tryggvason - Gitarre, Gesang
Sæþór M. Sæþórsson – Gitarre
Svavar Austman – Bass
Guðmundur Óli Pálmason – Schlagzeug

DISCOGRAPHY:

1996 – Til Valhallar (EP)
1999 – Í Blóði Og Anda
2002 – Black Death (EP)
2005 – Masterpiece Of Bitterness
2009 – Köld


SQUEALER-ROCKS Links:

Sólstafir - Köld (CD-Review)

Swallow The Sun, Sólstafir und Mar De Grises - Haus 11, Stuttgart (Live-Review)

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