Swallow The Sun und Sólstafir (28.12.2010, Haus 11, Stuttgart, Reaper)
Nach dem Schneechaos, das den Rest der Republik seit Tagen regiert, scheint es doch der Güte der Göttin des wütenden Winters zu verdanken, dass der Weg an diesem Mittwoch, zwei Tage vor Weihnachten, frei von Schnee und Eis ist. Langsam wälzt sich die glühende Schlange den Bergwald hinauf Richtung Karlsbad. Durch Nebel verhangene winterkahle Wälder gen Osten, Stuttgart hin. Dort auf dem Mönchsberg in Zuffenhausen, nahe den Porschewerken macht das Dreigespann Swallow The Sun, Sólstafir und Mar De Grises zum letzten Mal auf ihrer Europatour halt. Zeit also sich gemütlich zurückzulehnen und den düsteren Klängen zu lauschen.
Nachdem man sich aus der nebulösen Rheinebene hinauf gekämpft hat und einen Blick an den klaren, schwarzen Nachthimmel wirft, erblickt man das güldene Auge des Vollmondes über dem Stuttgarter Becken leuchten. Eigentlich ein wunderbarerer Abend für Freiluftmetal der dunkle Zünfte, dennoch tröpfeln die Massen nach und nach in die Sporthalle des Jugendzentrums, Haus 11, welche pünktlich zum Beginn um 20.00Uhr gut gefüllt erscheint – der Schwabe an sich erwirbt die Karte wohl noch immer im Vorverkauf, um erst kurz vor Eröffnung des metallischen Reigens zu erscheinen.
Von Meeresrauschen aus dem Off und dem flackernden Blau der Scheinwerfer begleitet, betreten die chilenischen Mannen von Mar De Grises die Bühne. Applaus brandet auf, während das Intro verklingt und Sänger Juan in die Tasten, des vor ihm aufgebauten Keyboards, haut. Wunderbar atmosphärisch, melodienreich und doch gleichzeitig immer darauf bedacht die Köpfe mit einer ordentlicher Dosis Heavy Metal in Schwung zu bringen, heizt das Quintett der Menge ein und bald schon scheint die Luft zu kochen. Zweieinhalb Jahre hat es gedauert, bis man endlich den Sprung über den großen Teich schaffte, um die europäischen Scharen zu begeistern. Plötzlich entern zwei in Baströcken bekleidete Gestalten (eine davon stellt sich später als Drummer der nachfolgenden Isländer heraus) die Bühne und verpassen prompt Juan ebenso ein solch kleidsames Kleidungsstück, allerding der Versuch ihn von seinem Kapuzenpulli zu befreien scheitert.
Ein zufriedenes Grinsen im Gesicht und die Hand zum Herzen bedankt Sänger Juan sich beim begeisterten Publikum.
In der Umbaupause verlassen die Massen schlagartig die stickige Halle, um draußen Luft zu schöpfen. Rechtzeitig für den „Antichristian Icelandic Heathen Metal“ sind die Reihen wieder dicht geschlossen. Trotzallem möchte man beim Anblick von Gitarrist Sæþór Sæþórsson eher „Howdy!“ rufen – wenn Lemmy Kilmister einmal jung gewesen ist, so muss er so ausgesehen haben. Lässig mit Cowboyhut sitzt Sæþór mit der Gitarre auf einer Box und harrt der Dinge, die da kommen mögen. Und die kommen in Country-flavoured Heavy Metal. Sólstafir beginnen ihr Set mit einigen älteren Stücken, die sich stilistisch doch etwas vom letzten Album „Köld“ unterscheiden, treffen aber durchaus den Nerv der Gemüter und bringen die Halle sofort wieder zum Kochen, wenngleich Sänger Aðalbjörn scherzhaft meint, dass es etwas kalt hier drin sei und das Publikum noch zu still. Nichts desto trotz, die Haare in den ersten Reihen wirbeln wild zu den Rhythmen von „She Destroys Again“, „Pale Rider“ oder „Köld“.
So düster wie Island im Winter ist die Musik des Quartetts. „No, that’s Norwegian“, meint der drahtige Frontmann auf einen Zuruf aus dem Publikum hin, um sich nach etwa der Hälfte des Sets einen Schluck Jacky aus der Flasche zu gönnen. Dem Publikum, das sich auf dem diesjährigen Summer Breeze bereits Sólstafir vergnügte, gefällt’s und fordert lautstark Zugaben, jedoch soll dies verwehrt bleiben.
Fluchtartig verlassen die Massen die stickige Halle, um sich zu erfrischen, während der verbleibende Rest den Umbauarbeiten auf der Bühne zusieht und die Fenster öffnet, um in den schwarzen, wolkenlosen Stuttgarter Nachthimmel hinaus zu blicken.
Und dann ist Zeit für Swallow The Sun. Die Finnen sind mittlerweile eine feste Größe im düsteren Metier und erfreuen ihre Fans mit einer Mischung aus mitsingkompatiblen Stücken wie „New Moon“ vom gleichnamigen letzten Album, rasanten, in Black Metal Gefilde abdriftenden Liedern oder epischer Melancholie in Musikform gegossen. Seltsam ist nur, dass es scheint, als ob die Hälfte des Publikums nach der Pause nicht mehr in die Halle zurück gefunden hätte. Trotzallem, mit Liedern wie „Out Of This Gloomy Light“ vom Debüt und dem programmatischen „Don’t Fall Asleep“ verfällt man vor der Bühne in ein bangendes Delirium. Viel zu schnell ist es dann auch kurz nach Elf zu Ende und unter Beifall verlässt das Sextett die Bühne, gefolgt von minutenlangen Zugaberufen. Und da es nun das Ende der Tour ist, kann man auch mal etwas länger machen – sagt’s und spielt als Zugabe „Swallow“.
Auch wenn der Sound in der Sporthalle nicht immer optimal war und stellenweise entweder zu laut oder falsch abgemischt war, kann man doch sagen, dass es dieser Dreierpack es wahrlich in sich hatte – es müssen nicht immer 5+ Bands auf Tour sein, damit man einen herrlichen Abend verlebt!
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