Squealer-Rocks.de CD-Review
Scorpions - Humanity - Hour I

Genre: Heavy Rock
Review vom: 27.05.2007
Redakteur: Jack
Veröffentlichung: bereits veröffentlicht
Label: SonyBMG



Kleiner Rückblick ins Jahr 2004: Die Scorpions stellten mit ihren poppig-balladesken Radionummern der Mid-Neunziger bereits die Weichen, die auf’s Abstellgleis zeigen. UNBREAKABLE kommt schließlich in die Läden und die Band um das kongeniale Trio Klaus Meine, Rudolf Schenker und Matthias Jabs meldet sich, ob dem wiedergewonnenen Rock-Spirit, eindrucksvoll zurück und ist fortan (auch in Deutschland) wieder in aller Munde – veröffentlichte man doch das vielleicht stärkste Album seit dem glorreichen CRAZY WORLD. Um nichts dem Zufall zu überlassen, vergrub man sich zusammen mit Produzentengott Desmond Child (u.a. Kiss, Bon Jovi und Meat Loaf) und James Michael vier Monate lang im Studio, um zwölf mal „Scorpions at its best“ auf eine als Konzeptwerk daherkommende CD, HUMANITY – HOUR I, zu bannen.

Lange Rede, kurzer Sinn. Wie klingt sie nun die neue Scheibe der mit gewetztem Stachel herumturnenden Hannoveraner? Erst einmal fällt sie in der Summe (die Betonung liegt auf dem Wort „Summe“) dezent ruhiger als der unmittelbare Vorgänger aus. ABER: Sie können es wieder, das Schreiben von großartigen, höchstemotionalen Momenten, bei denen die Hörer weite Teile von Afrika vor dem Verdursten retten könnten.

Doch alles der Reihe nach! Mit dem ersten halben Titeltrack „Hour I“ schmettert nicht nur irgendein Opener, sondern auch ein wahres Riffbrett aus den Boxen. Ohne Rücksicht auf die oft zitierten Verluste überrollen einen die Scorps mit einer saftigen Mixtur aus alter Hard Rock Überzeugung (inklusive den typischen „die Faust ballen und mitgrölen“ Passagen) und modernem Facettenreichtum, was letzten Endes jedes Abendgebet um dreieinhalb Minuten verlängert.

Eingeleitet von einer stürmischen Gitarrenbreitseite setzt „The Game Of Life“ in der Folgezeit durch die in den Strophen und im Chorus etwas zurückgeschraubte Härte auf die Mitsingkompatibilität, die sich bereits bei der ersten Umdrehung des Albums einstellt, und auf Klaus Meines unnachahmliche Gesangsakrobatik. Kaum vorstellbar, dass dieser Mann im nächsten Jahr auf die 60 Lenzen zusteuert. Er singt noch immer so unverbraucht und authentisch wie vor 30 Jahren.

Die fünf Skorpione werden ja gerne mal als die „Initiatoren der Powerballade“ hingestellt. Doch von waschechten Powerballaden war im Songkontingent schon seit einigen Jahren weit und breit nichts mehr zu sehen. Wie gesagt: „war“. Die erste von HUMANITY – HOUR I lautet „We Were Born To Fly“ und frisst sich mittels dem Wechselspiel aus melancholischer Akzentuierung und dem urplötzlichem Herausbrechen förmlich in die Gefühlswelt des Hörers. Tränenkullern vorprogrammiert!

Powerballade Nummer zwei, „The Future Never Dies“, schließt sich dem auf Emotionalität basierenden Reigen an und ergreift sich das Herz der Fans, indem sie eine, vom Piano bzw. Orchester begleitete, stimmungstechnische Wellenbewegung mit abschließendem Flutanstieg vollführt. Wenn ich mir den Siegertitel des diesjährigen Eurovision Song Contests betrachte (Marija Šerifović - Molitva), dann wüsste ich, wie Deutschland eine Chance gehabt hätte.

Zurück zu den Riffaktionen der Herren Schenker und Jabs und schon ertönt „You're Lovin' Me To Death“, ein auf Herz und Nieren gehender Heavy Rock Kracher in bester BLACKOUT oder LOVE AT FIRST STING Manier. Das Quintett hat jedoch immer noch eine Überraschung parat und legt mit dem imposant betitelten „321“ noch einmal eine gehörige Schippe drauf: „Are you ready to rock?“ Den Rest könnt ihr euch denken.

„Love Will Keep Us Alive“ kommt da als Verschnaufpause gerade recht. Es ist zwar keine Powerballade, aber dennoch eine sehr schöne, ruhige und ergreifende Komposition, die sich aufgrund der gewählten Tracklist-Position voll und ganz entfalten kann.

Zeit für eine Powerballade, oder? „We Will Rise Again“ vollführt erneut auf gekonnte Art und Weise den Spagat zwischen klassischer Ballade und bezaubernder Rocknummer und kann sich (wie die beiden anderen zuvor) auch mit den „Welt-Hits“ der Scorpions-Diskografie messen lassen.

Es bleibt ruhig und „schuld“ daran sind „Your Last Song“ und „Love Is War“. Mann, bei jeder anderen Band würde ich bei so vielen Balladen das große Kotzen bekommen, aber mit ihrer Klasse wissen die Scorpions ganz genau, dass sich solch ein Denken bei ihren Liedern nicht einstellen kann. Selten hat man sich so gefreut, wenn die Augen wässrig werden, als bei HUMANITY – HOUR I.

Bevor mit dem finalen „Humanity“, dem zweiten halben Titeltrack, die letzten emotionalen Reserven verbraucht werden, gibt’s mit „The Cross“ noch etwas auf die elegante rockige Nuss. Bärenstark!

Fazit: Mit HUMANITY – HOUR I zeigen die Scorps allen Kritikern, dass UNBREAKABLE alles andere als eine Eintagsfliege war. Deutschlands größter und international bekanntester Rockexport ist und bleibt ein Kassenschlager.
Erlaubt mir den flapsigen Spruch: Sie haben das rocken noch nicht verlernt, die alten Säcke!

Tracklist:
1. Hour I
2. The Game Of Life
3. We Were Born To Fly
4. The Future Never Dies
5. You're Lovin' Me To Death
6. 321
7. Love Will Keep Us Alive
8. We Will Rise Again
9. Your Last Song
10. Love Is War
11. The Cross
12. Humanity

Anspieltipps: Hour I, We Were Born To Fly, Love Will Keep Us Alive, Humanity

Band Line-Up:
Klaus Meine – Gesang
Rudolf Schenker – Gitarre
Matthias Jabs – Gitarre
Pavel Maciwoda – Bass
James Kottak – Schlagzeug

DISCOGRAPHY:

1972 – Lonesome Crow
1974 – Fly To The Rainbow
1975 - In Trance
1976 – Virgin Killer
1977 – Taken By Force
1978 - Tokyo Tapes
1979 – Lovedrive
1980 – Animal Magnetism
1982 – Blackout
1984 – Love At First Sting
1985 - World Wide Live
1988 – Savage Amusement
1990 – Crazy World
1993 – Face The Heat
1996 – Pure Instinct
1999 – Eye To Eye
2000 – Moment Of Glory
2001 – Acoustica
2004 – Unbreakable
2007 – Humanity - Hour I
2010 - Sting in the Tail

SQUEALER-ROCKS Links:

Scorpions - Acoustica (CD-Review)
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